Die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist weiterhin niedrig und der Trend zur Akademisierung ist ungebrochen. Im September 2021 kam es zu 473.100 neuen Ausbildungsverträgen, das waren zwar 1,2% mehr als im Vorjahr, aber 9,9% weniger als noch im Jahr 2019. Laut dem Bundesinstitut für berufliche Bildung gab es im Jahr 2021 mit 475.494 Erstsemestern zum zweiten Mal in Folge mehr Studienanfänger:innen als neue Ausbildungsanfänger:innen. Ein Problem für alle Unternehmen, die dem Fachkräftemangel sinnvollerweise mit der Ausbildung eigener Kräfte begegnen wollen.

Werfen wir einen Blick auf die Situation der Jugendlichen
Ein Grund für die hohe Studienquote ist unter anderem die Anzahl von Schüler:innen mit hohem Schulabschluss: Während im Jahr 1980 nur 22% die Hochschul- oder Fachhochschulreife erlangten, waren es im Jahr 2021 dagegen 51% der Schulabgänger:innen. Die Zahl derjenigen, die einen Hauptschulabschluss als höchsten Schulabschluss erwerben, sank hingegen von 2005 bis 2019 von 42% auf 29%. (Quelle Statistisches Bundesamt. WiWo) Zudem hat sich das Ansehen der Ausbildung in den letzten Jahren gewandelt. Während vor 20 Jahren viele Eltern noch zu einer Ausbildung rieten sind sie heute vielfach per se für ein Studium, weil sie dahinter bessere Karriere- und Verdienstmöglichkeiten vermuten. (Quelle: Centrum für Hochschulentwicklung)

Und wie sieht es auf der Seite der Unternehmen aus?
Auch die Anforderungsprofile für Ausbildungsgänge an die Bewerber:innen hat sich aufgrund der Zunahme hoher Schulabschlüsse verschärft. Mehr als 65% der Ausbildungsgänge werden mittlerweile nur noch an Schüler:innen mit (Fach-) Hochschulreife vergeben. Für 23% der Ausbildungsplätze reicht die mittlere Reife und in nur 10% der Ausbildungsgänge kommt man noch mit Hauptschulabschluss. Dabei lohnt es kritisch zu hinterfragen, ob wirklich nur ein so geringer Anteil der Ausbildungsgänge für ambitionierte Hauptschüler:innen machbar ist. (Quelle Bundesagentur für Arbeit)

Erschwerend kommt hinzu, dass die Prinzipien von Angebot und Nachfrage sowie Kosten und Nutzen dazu führen, dass immer weniger Unternehmen ausbilden möchten. 2010 wurden fast 350 unterschiedliche Ausbildungsberufe angeboten, 2020 waren es nur noch um die 324. Und auch die Zahl der Ausbildungsplätze ist innerhalb von 10 Jahren gesunken – um 50.000 Plätze. (Quelle BIBB) Aber warum ist das so? Ein Azubi ist zunächst einmal eine Investition, denn er bzw. sie kostet ein Handwerksunternehmen im Schnitt circa 5.400 Euro im Jahr. Und bevor überhaupt ein passender Azubi gefunden ist, verschlingt auch die Suche Kapazitäten, Zeit und Geld. Wenn man bedenkt, dass der berufliche Nachwuchs unter Umständen seine Ausbildung wieder abbricht, vergeht so manchem Unternehmen die Lust auszubilden.

Das Thema Ausbildungsabbrüche ist zudem kein unwesentliches. In einigen Bereichen ist die Quote besonders hoch: Im Ausbildungsberuf der Gerüstbauer hat 2019 beispielsweise jeder zweite Azubi seine Ausbildung abgebrochen und im Friseurhandwerk sieht es nicht anders aus. Die Ausbildungsgänge zu Berufskraftfahrer:innen und Gebäudereiniger:innen leiden ebenfalls unter hohen Abbruchraten.

Es gibt viele Bewerber, aber auch ein Matching-Problem
Es ist nicht generell so, dass es zu wenig Bewerber:innen pro Ausbildungsgang gibt. Doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ausbildungsberufen sind gewaltig. Da gibt es auf der einen Seite jene, bei denen es deutlich mehr Bewerber:innen als Stellen gibt. Und es gibt solche, bei denen es sich genau umgekehrt verhält:

2020 wurden für den Ausbildungsberuf des Mediengestalters print und digital 2.181 Ausbildungsverträge geschlossen. Im September gab es noch 94 unbesetzte Stellen, aber immer noch 1.312 suchende Bewerber:innen. Bei den Kosmetiker:innen wurden 279 Ausbildungsverträge geschlossen, es waren noch 45 Stellen unbesetzt, aber 291 unversorgte Bewerber:innen auf dem Markt. Und bei den Tierpfleger:innen kam es zu 633 Abschlüssen, während es noch 10 offene Stellen und 613 unversorgte Bewerber:innen gab.

Dem gegenüber stehen Ausbildungsberufe wie Restaurantfachleute, die 2.028 Ausbildungsverträge abschließen konnten, aber im September trotzdem noch 1.414 unbesetzte Stellen meldeten. Die Gebäudereiniger:innen schlossen 780 Verträge und hatten noch 308 Stellen offen. Bei den Fachverkäufern im Lebensmittelhandwerk waren es 4.770 Abschlüsse, es blieben aber immer noch 4.077 Stellen unbesetzt.

Wie lässt sich dieses Ungleichgewicht entgegen wirken?
Natürlich wird man einen jungen Menschen mit dem Berufswunsch Mediengestalter nicht mit einer Ausbildung zum Fleischer glücklich machen können. Und in einigen Fällen ist dieses Ungleichgewicht zwischen unversorgten Bewerbern und offenen Stellen so kaum zu schließen. Aber manche Bewerber:innen interessieren sich vielleicht auch nur deshalb nicht für einen Beruf, weil sie nichts oder einfach Unwahres über ihn wissen.

Eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages ergab, dass rund die Hälfte der ausbildenden Unternehmen glaubt, Azubis besser gewinnen und halten zu können, wenn diese realistischere Berufsvorstellungen hätten. Fazit: Jugendliche haben von Berufsinhalten häufig falsche Vorstellungen und sind dann nach kürzester Zeit von der Realität frustriert. Umso wichtiger ist es, dass Unternehmen Einblick in ihren Berufsalltag geben und Interessierten  zeigen, was alles dazu gehört. Nur so versetzt man die Jugendlichen überhaupt dazu in die Lage entscheiden zu können, ob ein Beruf zu ihnen passt oder nicht.

Als Beispiel sei hier der Ausbildungsberuf der Kaufleute für Dialogmarketing genannt. Laut dem Bündnis für Ausbildung im Dialogmarketing sank von 2012 bis 2020 die Zahl der Ausbildungsverträge für diesen Beruf von 1.311 Verträgen auf 830 und verzeichnete damit ein Minus von 36,7 %.

Torsten Preiß, Geschäftsführer der Prodialog Communications GmbH & Co KG, treibt dieses Thema um und so gründete er mit anderen das Bündnis für Ausbildung im Dialogmarketing. Er weiß, dass das Berufsbild der Kaufleute im Dialogmarketing vielen Missverständnissen unterworfen ist. „Viele denken, wenn sie diese Ausbildung machen sind sie am Ende Callcenter-Agenten, dabei ist das eine kaufmännische Ausbildung wie jede andere kaufmännische Ausbildung auch.“ Das Bündnis hat sich nun auf die Fahnen geschrieben, mit solcherlei Vorurteilen aufzuräumen und jungen Menschen ehrliche Einblicke zu geben. Aus diesem Wunsch heraus entstand die Website www.ausbildung-im-dialog.de. Mit jugendaffiner Ansprache, passenden Kanälen und vielen Azubi-Video-Testimonials macht sich das Bündnis jetzt stark, um für ihre Ausbildungsgänge zu werben. „Ausbildung bringt uns nicht nur die heiß begehrten Fachkräfte, sie ist auch ein gesellschaftlicher Auftrag!“

Dem ist nichts hinzuzufügen, finden wir!

Autorin: Judith Strücker

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