In wenigen Jahren fehlen Abiturienten für Ausbildungen

fehlende Abiturjahrgänge in Deutschland

Das deutsche Bildungssystem macht es Unternehmen und Hochschulen nicht gerade leicht zu berechnen, wann es seine Kinder in die Arbeitswelt entlässt. Jedes Bundesland strickt seine eigenen Lehrpläne, lässt Schüler/innen mal nach acht, mal nach neun Jahren Abitur machen und einige Länder, die die Schulzeit an Gymnasien erst vor Kurzem verkürzt hatten, gehen wieder in die Verlängerung. Das führt dazu, dass es in wenigen Jahren zu Engpässen für Unternehmen kommen wird, die Abiturienten für ihre Ausbildungen suchen.

In Niedersachsen und Hessen fehlt bereits 2020 ein ganzer Abi-Jahrgang, weil diese Bundesländer ab 2004 ihre Schüler/innen mit G8 in zwölf statt dreizehn Jahren zum Abitur führen wollten und knapp zehn Jahre später wieder zu G9 zurückgekehrt sind. Das bedeutet, dass die G8-Generation 2019 ihren Abschluss gemacht hat, die G9-er aber erst 2021 fertig sein werden und somit 2020 eine Abi-Lücke entsteht. Dasselbe Phänomen wird Bayern 2025 erleben, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein 2026, während Hamburg, Berlin, Bremen und die anderen Bundesländer an ihren bisherigen Systemen festhalten, so dass hier kein Abi-Pausenjahr aufkommt.

Übersicht Gymnasien
Das Institut der Deutschen Wirtschaft, IW, hat eine Übersicht erstellt, welche Bundesländer auf G8, G9 oder beides setzen. Quelle: 2018 IW Medien / iwd

Was bedeuten die Abi-Pausenjahre für Ausbildungen?

Dr. Ruth Schüler, Economist im Kompetenzfeld Bildung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), erklärt im Interview mit Einstieg: „Das wird für Ausbildungsbetriebe ein relevantes Thema! Erstens haben wir wegen des demographischen Wandels immer weniger junge Menschen und zweitens eine zunehmende Akademisierung – das heißt junge Menschen machen seltener eine Ausbildung und gehen lieber nach dem Abitur an die Uni. Das macht sich bereits in vielen Handwerksbetrieben und in der Gastronomie bemerkbar. Für sie ist es jetzt schon schwierig, geeignete Auszubildende zu finden. Wenn dann noch ein ganzer Jahrgang länger zur Schule geht und auf dem Ausbildungsmarkt fehlt, werden das alle Wirtschafszweige merken, die heute schon nicht genügend geeignete Bewerber/innen für ihre Stellen finden.“

Dr. Ruth Maria Schüler ist Expertin für Bildung, Zuwanderung und Innovation beim Institut der Deutschen Wirtschaft.
Dr. Ruth Maria Schüler ist Expertin für Bildung, Zuwanderung und Innovation beim Institut der Deutschen Wirtschaft. Foto: IW Medien

Die Konkurrenz um Bewerber/innen mit Abitur ist bei allen Unternehmen groß, die ausbilden, denn immer mehr junge Menschen machen Abitur. So berechnet der nationale Bildungsbericht, dass der Anteil der Schulabgänger mit Abitur von 2006 bis 2016 um 33 Prozent, auf 41 Prozent stieg. Nur jeder fünfte davon will aber eine Lehre machen, fand das Deutsche Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung heraus.

Weil immer mehr Jugendliche Abitur haben, steigt dennoch die Zahl der Auszubildenden mit Hochschulreife seit Jahren kontinuierlich an. Sie lag 2009 bei knapp 20 Prozent und ist bis 2019  auf knapp 30 Prozent gestiegen. Laut Bundesinstitut für Berufsbildung wird mehr als jeder vierte Ausbildungsplatz mit Abiturient/innen oder Bewerber/innen mit Fachhochschulreife besetzt. Vor allem in kaufmännischen Berufen, in der Informatik oder bei Steuerfachangestellten spielen sie eine große Rolle. Je weniger Bewerber/innen hier zur Verfügung stehen, desto mehr müssen sich die Betriebe anstrengen, junge Menschen für ihre Ausbildungsplätze zu gewinnen.

Aktuelle Entwicklungen für Ausbildungsbetriebe

In Hessen und Niedersachsen gibt es 2020 wegen der Abi-Lücke wenigere Bewerber/innen für Ausbildungen als 2019. Was das für Betriebe konkret bedeutet, ist aber momentan wegen der Corona-Krise schwer zu sagen. „Corona wird massive Auswirkungen auf die Wirtschaft im Allgemeinen und somit auch auf Ausbildungsbetriebe haben“, ist Dr. Schüler vom IW sicher, und auch, dass kleine Betriebe besonders darunter leiden werden. Das Azubi-Problem könnte somit kurzfristig an Bedeutung verlieren.

Die anderen Bundesländer aber, Bayern und NRW, werden in den Jahren 2025 bzw. 2026 um junge Menschen werben müssen, um ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Und auch Hochschulen sollten sich für diese Jahre darauf einstellen, dass es schwerer sein wird, ihre Studienplätze adäquat zu besetzen. Umwerben können sie die jungen Leute direkt in Schulen und ihnen ihre Ausbildungen und Möglichkeiten präsentieren, bevor sie das Abi in der Tasche haben. Auch Jobbörsen und Messen haben sich bewährt.

Die beste Werbung für das eigene Unternehmen ist die Ausbildung selbst. In Umfragen hat das Kompetenzzentrum Fachkräfte des IW (KOFA) herausgefunden, dass Jugendliche sich für einen Ausbildungsbetrieb entscheiden, wenn sie ihn als authentisch und glaubwürdig einstufen. Wenn ihnen ein Unternehmen gut gefällt, sind sie sogar für Kompromisse beim Ausbildungsberuf bereit. Betriebe, die auf der Suche nach qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern für Ausbildungen sind, finden diese umso leichter, je mehr sie in ein gutes und stabiles Betriebsklima investieren.

Webinar vom 19. Februar 2020: Was Azubis wollen (Youtube)

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