MINT & HEALTHCARE jetzt oder nie – die heimlichen Sieger der Pandemie

Ausbildung in der Pflege

Corona ist zwar mitnichten der Grund für eine flächendeckende Digitalisierung, aber beschleunigt letztere zweifelsohne. Wie gut wir hier insgesamt aufgestellt sind, zeigt uns die Krise jedoch auch ganz deutlich: Digitaloffensive? Bisher eher ein Versuch. Es gibt noch viel Luft nach oben. Sowohl im deutschen Bildungssystem wie in den meisten Unternehmen/Branchen.

Und die Aussicht auf eine Welle oder mehrere weitere Wellen müsste auch dem größten Digitalisierungsgegner klar machen, dass wir uns hier das Schneckenhaus vom Rücken schütteln und in die Siebenmeilenstiefel schlüpfen sollten.

Homeoffice und Homeschooling (hier geht es übrigens zu unserer Schülerumfrage!) werden uns jedenfalls vermutlich noch länger begleiten. Vielleicht – nein, wahrscheinlich – bleiben sie auch ein fester Bestandteil in Zukunft. Um grundlegende Wissenslücken und verheerende wirtschaftliche Auswirkungen durch die Verlagerung der Präsenz in die eigenen vier Wände zu minimieren, benötigt es eine entsprechende Infrastruktur: Spezialisten und auch Bildungsstätten, nicht zuletzt durchdachte Notfallpläne und Prozessbeschreibungen samt -beschreiber.

Wer hier als Arbeitgeber oder Hochschule die passenden systemrelevanten Berufe, Ausbildungen und Studiengänge bereits anbietet, könnte – so sollte man meinen – nun als Gewinner dieser Krise hervorgehen! Könnte – sofern er diese Vorteile auch…

  1. an die potenzielle Zielgruppe erfolgreich adressiert
  2. sich darüber hinaus mutig neue Zielgruppen erschließt (siehe auch Prof. Neubauers Hinweis im Hinblick auf das nötige Aufbrechen von Geschlechterklischees und
  3. natürlich auch selbst professionell digital aufgestellt ist.

Vielleicht ergeben sich sogar recht bald ganz neue Berufe und Studiengänge rund um Krisenmanagement, Pandemie und Virologie! Und in Unternehmen – neben den bislang standardisierten Qualitätssicherung-, Datenschutz-, Digital- und Genderbeauftragten – demnächst auch Berufsbilder wie Krisen- und Notfallmanager, Quarantäne-, Homeoffice- oder sogar Fake-News-Beauftragte.

Und um einem Missverständnis vorzubeugen: Es geht nicht darum, das Analoge komplett durch das Digitale zu ersetzen. Es geht darum, es zu ergänzen! Um das, was unverzichtbar, sinnvoll und einer breiten Masse zugänglich und durchaus zumutbar ist.

Eine Riesenlücke existiert in sämtlichen MINT-Berufen.

Sehen wir uns zunächst die MINT-Berufe an, das sind alle Berufe im Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Hier fehlten laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit sowie des Instituts der deutschen Wirtschaft vom Herbst 2019 263.000 Arbeitskräfte.

Grafik: 263.000 Stellen in der IT konnten 2019 nicht besetzt werden

Diese Lücke zu füllen wird jedoch entscheidend sein im Hinblick auf Innovationsfähigkeit und Wirtschaftswachstum in Deutschland. Doch wie genau füllen wir diese?

Die Schulen sind hier ja bereits seit einigen Jahren vermehrt umtriebig und bieten besondere Projekte in diesen Fächern an, auch Zertifikate wie „MINT-freundliche Schule“ bspw. kann man als Bildungsstätte schon längst erwerben. Trotz des Engagements vieler Schulen: Es mangelt immer noch vielerorts an einer entsprechenden Ausstattung und vor allem an gut ausgebildeten Lehrkräften.

Aktuelle Studien, wie die der Uni Paderborn, zeigen auch Nachholbedarf im Hinblick auf die Computerkenntnisse und das Interesse an den relevanten Fächern. Das MINT Nachwuchsbarometer 2020 resümiert sogar:

„Bei der Digitalen Bildung fehlen grundlegende Kompetenzen im Umgang mit den digitalen Medien. 33 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in der achten Klasse gelten als leistungsschwach. In der Oberstufe wählt nur ein Prozent der Jugendlichen einen Leistungskurs Informatik. Und nur knapp 14 Prozent der Abiturientinnen und Abiturienten können systematisch nach Informationen im Netz suchen und diese hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit beurteilen.“

Der MINT Aktionsplan des BMBF

Das Ministerium für Bildung und Forschung bündelte bereits in dem 2018 vorgelegten und später verabschiedeten „MINT Aktionsplan“ die bislang meist außerschulisch durch Verbände und einzelne Förderer initiierten Maßnahmen, um den digitalen Wandel mit deutlich mehr Auszubildenden in den fehlenden MINT-Berufen zu begegnen. Immerhin 55 Mio. Euro wurden dafür zusätzlich bereitgestellt.

Es bleibt abzuwarten, ob und wie schnell damit das Mindset unseres Nachwuchses nachhaltig in Richtung MINT-Orientierung geprägt wird. Für 2023 ist jedenfalls die zweite Studie zu den Computerkenntnissen von deutschen SchülerInnen geplant. Wir sind jetzt schon gespannt.

Das meiste Potenzial birgt nach wie vor die Begegnung mit der Zielgruppe selbst. In Schulen, Berufsschulen, Hochschulen und auf Karrieremessen.

Es gilt, die Berufseinsteiger frühzeitig für Themen und Berufsbilder zu begeistern und auch Projekte und Kooperationen an Schulen heranzutragen, damit sich die Jugendlichen selbst in Projekten erfahren und für sich auch neue zukunftsträchtige Themengebiete erschließen und auch Lehrer die beruflichen Stärken ihrer Schützlinge besser einschätzen und in richtige Bahnen lenken können.

Pro Sicherheit und kontra Rollenklischees

Da Sicherheit bei der nun heranwachsenden Generation eine große Rolle spielt, werden Sie mit den Karriereperspektiven gut bei ihnen punkten. Die Krise, die kollektiv niemanden unberührt lassen dürfte, könnte für manche SchülerInnen einmal mehr die Relevanz bestimmter Berufsgruppen ins Scheinwerferlicht rücken.

Der Tatsache, dass sich immer noch viel weniger Frauen – trotz gleicher Eignung wie ihre männlichen Kollegen! – für entsprechende Berufe entscheiden, sollte mit entsprechenden Maßnahmen begegnet werden.
Das Niedersachsen Technikum mag hier als Beispiel dienen: Ein Zusammenschluss von Hochschulen und Unternehmen, die sich explizit an Frauen mit (Fach-)Abitur richten und in MINT-Berufen Orientierung vermitteln.

Weitere Insights an den Hochschulen bieten sogenannte Schnupperstudien. Womöglich auch in Verbindung mit besonderen Zulassungsverfahren. Ab voraussichtlich 2021 wird es an der RWU Ravensburg Weingarten bspw. unter dem Projekte Talentscanner die Möglichkeit im Fach „Soziale Arbeit“ und „Maschinenbau“ geben, ein mehrwöchiges Online-Studium zu absolvieren.

Probestudium Talentscanner der Hochschule Ravensburg-Weingarten

Und das völlig unabhängig von den regulären Kriterien einer Studienzulassung! Durch das digitale Aneignen relevanter Inhalte und das abschließende Bearbeiten eines Projektes können InteressentInnen ihre Neigung und Eignung für das jeweilige Studienfach unter Beweis stellen.

Die Hochschule Ruhr West bietet gar ein MINT-Feriencamp für SchülerInnen an. Unter dem Motto „MINT zum Anfassen“ kann man sich dort zu einem einwöchigen Workshop mit verschiedenen Themenschwerpunkten anmelden.

Die vorliegenden Beispiele zeigen, dass es Bewegung in Sachen Nachwuchs-Rekrutierung für den MINT-Bereich gibt. Wir sind überzeugt, dass sich die Ansprache der jungen Menschen mit Orientierungsmöglichkeiten, die sich an ihrem Bedarf und ihren Neigungen ausrichten, auszahlen wird.

Hemmschwellen müssen abgebaut und Brücken aufgebaut werden. Dazu bedarf es noch einiger Anstrengung. Ganz nach dem Motto: Steter Tropfen höhlt den Stein.

Und mit Tröpfchen sind wir ja schon wieder bei Corona und der Medizin. Und damit beim nächsten Thema. Wie sieht es denn im Bereich Healthcare eigentlich mit dem Nachwuchs aus?

Die Healthcare-Zu(ku)nft – jetzt aber!

Auch hier herrscht ein Mangel. Es fehlt Ärzte- und Pflegepersonal und zwar nicht erst seit Corona. Die Pflege leidet unter einem schlechten Image, und durch das Sparprogramm im Gesundheitssystem hat auch die Karriere in Kliniken und Hausarztpraxen mittlerweile beträchtlich an Attraktivität verloren.

Ärzte sind abgewandert, Mediziner vielfach in alternativen Berufsfeldern tätig und die Anzahl der MedizinstudentInnen geht seit der Wiedervereinigung kontinuierlich zurück. Und das obwohl die Kapazitäten durch Fakultäten seither ausgebaut wurden. „Experten und sogar das Bundesgesundheitsministerium schätzen, dass wir mindestens 15 000 Studienplätze brauchen, um die Qualität der medizinischen Versorgung zu sichern“, sagt BVKJ-Präsident Dr. Thomas Fischbach der Ärztezeitung.

Einen interessanten Weg im Kampf gegen den Ärztemangel hat die Kassenärztliche Vereinigung in Sachsen mit dem Projekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“ kreiert. So werden Studienplätze in Medizin an der Universität in Pécs (Ungarn) an Studierende aus Deutschland vergeben und finanziert. Im Gegenzug verpflichten diese sich, die Facharztausbildung später in Sachsen zu absolvieren und mind. 5 Jahre regional als Hausarzt zur Verfügung zu stehen.

Corona offenbart noch fatalere Krise: Die Pflegekrise

Und wie ist es um die Pflegekräfte bestellt? Hier fehlen laut WHO sogar ca. 6 Mio. Arbeitskräfte. Das Jahr 2020 wurde daher von selbiger Institution sogar als „Jahr der Pflegenden und Hebammen“ ausgerufen. Mit dem Juli-Gehalt sollen Pflegekräfte hierzulande eine Sonderprämie erhalten für die besondere Belastungssituation in der derzeitigen Krise, Mindestlöhne werden ebenfalls diskutiert. Schon schade, dass es dafür eine Pandemie benötigt…aber immerhin, es tut sich etwas.

Nun wissen wir aus der Psychologie aber auch eines: Geld ist ein Hygienefaktor. Das bedeutet, ein Mangel hinsichtlich dieses Faktors wie bspw. eine als unangemessen empfundene Entlohnung führt zu Unzufriedenheit. Kein Mangel führt jedoch nicht automatisch zur Zufriedenheit – von Glück wollen wir gar nicht erst reden.

Hier spielt eine als sinnhaft und erfüllend empfundene und den persönlichen Stärken entsprechende Tätigkeit sowie das Arbeitsklima insgesamt eine viel größerer Rolle.

Zudem kann der Situation in Krankenhäusern und Pflegeheimen nicht allein durch eine bessere Bezahlung begegnet werden. Denn die Belastung bleibt ja die gleiche und für viele Pflegende auf Dauer nicht ohne gesundheitliche Folgen. Dafür benötigt es schlicht mehr geeignetes Personal. Und diese potenziellen KandidatInnen gibt es bereits. Sie müssen nur mehr auf die Pflege als Beruf aufmerksam gemacht und final dafür begeistert werden. Aber wie?

Ein erster Schritt für mehr Attraktivität – die Pflegeberufereform

Eine Maßnahme zur Aufwertung der Pflegeberufe finden wir in der seit diesem Jahr in Kraft getretenen Pflegeberufereform. Demnach kann man sich im Laufe der Ausbildung noch für den Schwerpunkt der Tätigkeit oder eine generalistische Ausübung im Bereich (Kinder)Kranken- und Altenpflege entscheiden und sogar ein Pflegestudium draufsatteln. Die Kosten der Pflegeschule werden nun auch übernommen. Ein durchaus attraktives Angebot für alle InteressentInnen.

Aber: Niemand wird zum philantrophischen, empathischen, geduldigen, hilfsbereiten Krankenpfleger allein aufgrund einer besseren/guten Bezahlung. Die im Übrigen selbstredend fair und angemessen sein sollte! Nicht nur seit und wegen Corona.

Die Eignung steht hier ganz klar im Vordergrund. Die persönlich wahrgenommene Sinnhaftigkeit des Berufes, das Interesse an den damit verbundenen vielseitigen Themen, Belastungsresistenz, der Wunsch, für andere da zu sein, die Fähigkeit, anzupacken, Verantwortung zu übernehmen, Nähe zuzulassen und zu geben… die Liste der Gründe, diesen Beruf ergreifen zu wollen, ist lang!

Dass es sich um einen dauerhaft sicheren Arbeitsplatz mit Karriereperspektiven handelt, ist sozusagen nun die Krönung. Mit Kollegen, auf die man sich verlassen kann und einem Chef, der gute Leistungen sieht und rückmeldet und insgesamt Vorbild ist? Umso besser. Lassen Sie es den Nachwuchs aber auch wissen, Realistische Einblicke in die Arbeitsrealität sind daher auch hier das A und O.

Mehr Healthcare Professionals neben Medizinern

All diejenigen, die medizinisch Interessierten eine berufliche Alternative bieten wollen – sie haben nun besonders gute Karten, wie z.Bsp. Medizintechnik, Medizinische Biologie, Molekularmedizin, Medizininformatik, Gesundheitsmanagement, Public Health, etc.

Die Digitalisierung von Prozessen im medizinischen Bereich hat nämlich an Attraktivität deutlich gewonnen. Man denke nur an die Corona-App, die Datenbank zur Kapazität freier Intensivbetten und Beatmungsgeräte, die Software gestützte Beschaffung von kritischen Medizinprodukten bis hin zur KI-basierten Erstellung von Prognosen und Bot-gestützte telemedizinischen Lösungen jedweder Art, um nur einige zu nennen.

Berufe rund um die Forschung dürften im Zusammenhang mit dem neuartigen Virus ebenfalls an Bedeutung gewinnen.

Es spricht offenbar einiges dafür, dass die Krise Healthcare- und MINT-bezogene Berufe, möglicherweise sogar einen Kombinationsstudiengang, begünstigen. Warum dann eigentlich nicht gleich gemeinsame Sache machen?

Da fällt uns auch direkt ein Slogan ein: „MINT Healthcare Zukunft gestalten.“ In diesem Sinne, seien sie kreativ!

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