Interview mit Jutta Fuchs, Beraterin im Bewerbungsforum auf den Einstieg Messen

Bewerbungsmappencheck

Frau Fuchs, mit welchen Fragen kommen die Schüler zum Bewerbungsmappen-Check?

Mir fällt auf, dass Jugendliche oft nicht genau wissen, was wichtig ist für ihre Bewerbung. Viele denken zum Beispiel, dass sie ihre Nebenjobs oder ihre privaten Interessen nicht im Lebenslauf nennen sollten. Die spielen dann teilweise 4-mal in der Woche Fußball, das Hobby macht also einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeit aus, und trotzdem denken sie: Das interessiert doch keinen Personaler. Dabei ist das doch besonders spannend. Womit beschäftigt sich der Bewerber freiwillig, also völlig unabhängig von dem, was er an der Schule machen muss? Fühlt er sich alleine oder in der Gruppe wohler? Es macht für den Personaler einen großen Unterschied, ob der angehende Azubi zurückhaltend oder extrovertiert ist. Unternehmen, die sich Angaben zum Hobby von ihren Bewerbern wünschen, sollten in der Stellenanzeige explizit danach fragen.

Wie viel Vorwissen bringen die Schüler aus dem Berufswahl-Unterricht mit?

Gar nicht selten haben die Schüler noch nie eine Bewerbung erstellt. In der Schule bleibt neben dem normalen Lehrplan wenig Zeit für die Berufsorientierung. Es gibt ja auch Themen wie Berufsfelderkundung oder Vorstellungsgespräch. Meistens müssen sich die Lehrer entscheiden, was sie durchnehmen wollen, es passt zeitlich nicht alles rein. So kommt es, dass manche Schüler nicht mal wissen, was überhaupt in eine Bewerbungsmappe gehört. Oder sie trauen sich im Klassenverband nicht so richtig nachzufragen. In der Pubertät sind viele schüchtern und haben Angst, vor den Anderen blöd dazustehen. Dazu kommt: Viele Schüler glauben, dass man die klassische Bewerbungsmappen-Einteilung gar nicht mehr kennen muss, weil man sich ja inzwischen oft über ein Online-Formular bewirbt. Doch im Formular lädt man ja auch ein Anschreiben und einen Lebenslauf hoch, man braucht also trotzdem noch die klassischen Unterlagen.

Bringen manche Schüler ihre Bewerbungsunterlagen mit, um sich direkt auf der Messe zu bewerben?

Ja, manchmal. Die Mappen sind dann aber meistens noch nicht ganz rund. Dann sage ich den Schülern oft, was sie noch ändern sollen, und bitte sie, am nächsten Tag mit der überarbeiteten Mappe wiederzukommen. Und einige kommen echt wieder, das finde ich ganz cool. Die können dann gleich zu ihrem Wunsch-Arbeitgeber spazieren und die Mappe abgeben – besser kann man es nicht machen!

 

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Die Deutsche Bahn hat kürzlich verkündet, dass sie in Zukunft auf ein Anschreiben verzichten möchte, um den Bewerbungsprozess zu vereinfachen. Ich kenne aber viele Unternehmen, die sagen, das Anschreiben spielt eine wichtige Rolle für sie und sie würden es nicht aufgeben. Wie stehen Sie dazu?

Ich finde es für Schüler schöner, wenn sie ihre Bewerbungsmappe anfertigen dürfen, mit einem ordentlichen Anschreiben. Weil sie dann nämlich wirklich versuchen, nochmal zu reflektieren, was kann ich? Was bringe ich mit? Und warum will ich diesen Job unbedingt haben, oder wieso will ich in die Ausbildung? Die Möglichkeit hat man  in einer Online-Bewerbung nicht mehr immer. Viele Schüler sind dann auch enttäuscht, weil sie sich gar nicht persönlich einbringen konnten. Aber keine Frage, das Anschreiben ist eine Herausforderung für junge Menschen, für die meisten ist es ja das erste, das sie verfassen. Man muss sich erst mal in die Standards einfinden, in die Formulierungen. Im Bewerbungsforum gehen wir den Text gemeinsam durch. Ich hinterfrage viel, zum Beispiel: „Warum möchtest du das denn gerne werden?“. Dann sprudeln manchmal die Sätze und dann machen wir uns Stichworte und können alles nochmal ein bisschen umbauen und optimieren. Der Personaler soll ja erfahren, was den Schüler motiviert, die Ausbildung zu beginnen. Das auf den Punkt zu bringen, dafür ist das Anschreiben da.
Und wo soll man sonst mal eine Lücke aus dem Lebenslauf erläutern? Meiner Meinung nach kann man darauf als Unternehmen nicht verzichten. Wie soll man den Kandidaten sonst kennen lernen? Man glaubt übrigens nicht, wie viele Kandidaten eben keinen geradlinigen Lebenslauf haben. Zu mir in die Beratung kommen auch viele Studenten aus den Erstsemestern, die schon im Ausland waren und die nach ihrer Rückkehr beschlossen haben, in eine Ausbildung zu wechseln. Etwa 30 Prozent der Jugendlichen, die zu mir kommen, haben eine Lücke oder einen Umweg in ihrer Vita. Den umgekehrten Fall gibt es ja auch oft. Jemand bricht nach einem halben Jahr die Ausbildung ab und bewirbt sich für ein Studium. In solchen Situationen braucht der Bewerber einen Text, in dem er seine Entscheidung erläutern kann. Eine gute Alternative ist die Videobewerbung, das kommt ja langsam als Thema auf. Da kann man sich natürlich auch prima erklären. Das ist aber nur was für Schüler, die nicht zu introvertiert sind, das traut sich nicht jeder.

Einige Unternehmen argumentieren, das Anschreiben sei nicht aussagekräftig, weil es theoretisch auch von der Mutter geschrieben sein kann.

Ich finde das schade. Man erkennt doch sofort, ob das die Mutter geschrieben hat oder ob es vom Schüler selber kommt. Selbst, wenn die Mutter ein bisschen geholfen hat: Die Auseinandersetzung mit dem Beruf, die muss eh beim Schüler stattfinden.

Vielen Dank für das Gespräch!

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