Kein Abschluss ohne Anschluss – Und dann kam Corona. K.O. für „KAoA“?

Kein Abschluss ohne Anschluss

Die Landesinitiative Kein Abschluss ohne Anschluss – kurz KAoA“  ist seit 2012 verpflichtend für alle weiterführenden Schulen in NRW. Sie soll den reibungslosen Übergang vom Schul- ins Berufsleben gewährleisten, indem sich die SchülerInnen systematisch und reflektiert mit sich selbst und den beruflichen Möglichkeiten auseinandersetzen. So startet die Berufsorientierung bereits in Klasse 8 u.a mit einer umfassenden Potenzialanalyse und Berufsfelderkundungen, etc.

Durch Corona können an vielen Schulen die einzelnen Maßnahmen in 2020/21 jedoch nicht entsprechend der Verordnung durchgeführt werden. Das Ministerium regelt die vorübergehend abgespeckte Version, die Umsetzung obliegt jedoch den Schulen weitestgehend selbst.

Ein Blick hinter die Kulissen – im Gespräch mit Herrn Frank Mostert, Lehrer an der Benzenberg Realschule in Düsseldorf. 

 

Herr Mostert – Sie sind sogenannter „Stubo“. Was ist das und wie wird man das?

Der „Stubo“ ist ein Lehrer, der zusätzlich zum Lehrauftrag schulinterner Berater für die Studien- und Berufsorientierung ist. Da gibt es kein besonderes Auswahlverfahren, das macht man eher aus persönlichem Interesse heraus.

 

Welche Aufgaben sind damit verbunden?

In dieser Funktion koordiniere ich gemeinsam mit meinen Stubo-KollegInnen aus dem Kollegium die Umsetzung der Vorgaben seitens des Ministeriums und stehe darüber hinaus in Beratungsstunden für die Schüler zur Verfügung.

 

Wie bewerten Sie das Konzept persönlich?

Das Konzept, das ja auch die Kooperation mit den Berufsberatern der zuständigen Arbeitsagentur beinhaltet, stellt generell ein umfassendes, wirklich tolles Beratungsangebot dar! Die Schüler sind mittlerweile aber auch in einer gewissen Konsumhaltung oder Komfortzone – sie erwarten geradezu, alles serviert zu bekommen.

 

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Betriebe mangelnde Bewerber beklagen?

Ein großes Problem besteht darin, dass bei der Besetzung der gewerblichen Ausbildungsplätze die weiterführenden Schulen in der gleichen Zielgruppe fischen wie die Ausbildungsbetriebe.

Mit dem Aufsatteln eines höheren Schulabschlusses zögern viele Schüler die eigentliche Berufswahl hinaus. Andere versprechen sich von diesem oder der Kombination mit einer Ausbildung am Berufskolleg bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt insgesamt. Es zeichnet sich schon deutlich eine Akademisierungstendenz ab. Eltern legen ihren Kindern zunehmend pauschal den höheren Bildungsabschluss nahe. Natürlich mit fatalen Auswirkungen auf die Ausbildungssparte.

 

„Eltern legen ihren Kindern zunehmend pauschal den höheren Bildungsabschluss nahe mit fatalen Auswirkungen auf die Ausbildungssparte.“

 

Andererseits kann man auch bei vielen Ausbildungsbetrieben erkennen, dass die Anforderungen an gewisse Ausbildungsberufe diese Tendenz zu einem höheren Schulabschluss verstärken. Das führt dann dazu, dass die deutliche Mehrheit unserer Schulabgänger tatsächlich zur weiterführenden Schule wechselt und nur ca. 10% jährlich in die Ausbildung starten.

 

Wo sehen Sie persönlich Optimierungsbedarf?

Das Ergebnis der Potenzialanalyse in Klasse 8 ist der Kern der Beratung. Mit diesem diagnostischen Instrument, das durchaus einen ganzen Tag in Anspruch nimmt, werden die Stärken und Neigungen herausgearbeitet. Auf dieser Basis bauen alle anderen Maßnahmen auf. Aus Datenschutzgründen ist das Ergebnis für uns Stubos und auch die externen Berufsberater nicht immer transparent und entzieht sich somit als Beratungsgrundlage. Außerdem sind wir als Lehrer auch nicht unbedingt Experten für die komplexe Berufswelt, so dass wir nicht tiefer in die einzelnen Berufsfelder einsteigen können. Die Koordinierung der vorgeschriebenen Maßnahmen nimmt ohnehin schon den größten Teil meiner zeitlichen Kapazitäten als Stubo ein.

 

Was hat sich insbesondere seit und durch Corona verändert?

Durch Corona fallen nun einzelne wichtige Elemente wie Praktika in Betrieben, der Besuch von Berufsberatern und Ausbildungsbotschaftern an Schulen sowie andere Maßnahmen für authentische Einblicke in Berufe weg. Die können im laufenden oder kommenden Schuljahr auch nicht alle nachgeholt werden.

 

„Durch Corona fallen authentische Einblicke in Berufe weg.“

 

Wie sieht es mit dem Besuch virtueller Messen aus?

Der Besuch von Online-Messen ist nach wie vor eine sehr gute Gelegenheit, mit potenziellen Ausbildungsstätten in Kontakt zu treten. Man muss der Zielgruppe die Informationen aber häufig mundgerecht servieren. Während im Frühjahr die zur Verfügung stehenden Geräte das Problem waren, mangelt es derzeit oft an einer guten WLAN Verbindung. Wir machen die Erfahrung, dass es gut ist, die Kontakte durch Lehrer moderieren und auch nachverfolgen zu lassen. So werden die Gespräche an Ständen der Online-Messe an unserer Schule bspw. von uns Lehrern tatsächlich gemeinsam geplant, dokumentiert und auch kontrolliert. „Wir machen die Erfahrung, dass es gut ist, die Kontakte auf Online-Messen durch uns Lehrer moderieren und auch nachverfolgen zu lassen.“

 

Wo könnte man hier noch ansetzen?

Mir erscheint es tatsächlich wichtig, die Schüler auf ihren Auftritt auf so einem Online-Event vorzubereiten. Sprich: Worauf kommt es an? Wie verhalte ich mich korrekt? Und wie gelingt die persönliche Kommunikation und auch ein nachhaltiger Eindruck – insbesondere auf virtuellem Wege? Während die Erstellung einer Vita bspw. fester Bestandteil und sogar Klausurthema schon im Deutschunterricht in der 8. Klasse ist, mangelt es andererseits an der Beratung hinsichtlich der Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche im späteren Verlauf. Die werden definitiv nicht geübt. Ich fände es gut, wenn wir mehr individuell beraten könnten und das in regelmäßigen Abständen über einen längeren Zeitraum. Vor allem, wenn es dann bei Einzelnen konkret wird.

 

Mal abgesehen von Zeit und Mittel. Es sei erlaubt, zu träumen. Wie sehen Sie persönlich die Rolle der Schule beim Thema Berufswahl/Berufsorientierung idealerweise?

Richtig toll wären Berufswahlpaten, also wirklich Personal, das für diese Aufgaben an Schulen abgestellt wäre. Das Projekt „SOVAR“, für das die Schüler in der 8. Klasse über das gesamte Schuljahr 1,5 Stunden in der Woche für eine Tätigkeit in einer sozialen Einrichtung – Kita, Schule, Pflegeheim, etc. – freigestellt werden, zeigt richtig gute Erfolge. Eine Übertragung auf andere Bereiche wäre durchaus denkbar. Auch die Eltern sind wichtige Zuspieler in dem Berufswahlprozess. Hier ist aber ebenfalls eine gewisse Konsumhaltung erkennbar. Kontinuierliche, elterngerechte Informationen von Seiten der Ausbildungsstätten wären sicherlich eine gute Sache. Betriebe täten insgesamt gut daran, auf den professionellen Events mehr Vertreter der Zielgruppe als glaubwürdige Ansprechpartner teilhaben zu lassen.

 

Vielen Dank für den Einblick und das Gespräch, Herr Mostert!

 

Auch die Politik scheint die Notwendigkeit einer stärkeren pädagogischen und kontinuierlichen Begleitung im Beruforientierungsprozesses erkannt zu haben.

Das schlägt sich im digitalen Berufswahlpass 4.0 nieder, der 2021 an ersten Schulen in NRW getestet werden soll.

 

Welche Botschaften/Tipps Sie aus unserem Gespräch mit Herrn Mostert schon heute mitnehmen können:

  • Gehen Sie aktiv auf Schulen zu, wenn Sie noch Lehrstellen, Praktika oder Studienplätze zu vergeben haben. Wagen Sie sich an digitale Formate, wo Präsenztreffen aktuell nicht möglich sind.
  • Überlegen Sie, wie Sie Eindrücke in digitaler Form widergeben können. Welchen digitalen Content, den Sie im Rahmen Ihrer Recruitingstrategie ohnehin schon nutzen, könnte den Schulen im Unterricht zur Verfügung gestellt werden und umgekehrt? Es geht nicht um den perfekten Imagefilm sondern um nahbare Einblicke in den Alltag Ihrer KandidatInnen.
  • Binden Sie die glaubwürdigsten Unternehmensvertreter – Ihre Azubis und Berufseinsteiger selbst – in sämtliche Maßnahmen mit ein, damit die Kontaktaufnahme mit möglichst geringen Hürden verbunden ist.
  • Gestalten Sie den Prozess der digitalen Bewerbung und des digitalen Kennenlernens im Sinne einer positiven Candidate Journey so transparent wie möglich – was erwarten Sie, was dürfen die Bewerber von Ihnen erwarten?
  • Nehmen Sie die Unsicherheiten wahr und ernst und zeigen Sie Ihren KandidatInnen, dass es auch für Sie eine neue und ungewohnte Situation ist.
  • Binden Sie Eltern als wichtige Zielgruppe unbedingt in Ihre Ansprache aktiv mit ein. Sie sind zunehmend in den Berufsorientierungsprozess involviert, oft fehlt es ihnen jedoch an nötigen Informationen, um ihre Kinder im Entscheidungsprozess ideal zu unterstützen. Je mehr Einblicke sie erhalten, desto eher werden bestimmte Ausbildungsberufe auch in ihren Augen attraktiv. Ein Ausbildungsberuf schließt schlussendlich eine akademische Laufbahn überhaupt nicht aus. Es muss keine Entweder-Oder-Entscheidung sein. Im Gegenteil, oft kann man mit der Praxiserfahrung aus einer Ausbildung heraus viel zielgerichteter ein Studium wählen. Das kann wiederum oft mit einer qualifizierten Tätigkeit auch besser finanziert werden. Beides hat sicherlich auch positiven Einfluss auf die Abbruchquote. Nicht zuletzt stehen die Chancen auf eine Übernahme nach erfolgreicher Ausbildung durch den Ausbildungsbetrieb und damit auf einen nahtlosen Übergang ins Erwerbsleben nicht gerade schlecht.

 

Wir wünschen Ihnen dabei viel Erfolg.

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